Die Trolley Mission der US-amerikanischen Luftwaffe

Historische und bislang unveröffentlichte Luftbilder deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg


Beschreibung und Flugrouten der Trolley Mission


1. Trolley Mission
Es war für den Autor fast schon zu erwarten, dass es sowohl im Nationalarchiv der Vereinigten Staaten von Amerika, der sogenannten „National Archives and Records Administration“ (NARA) mit Sitz in Washington, als auch im „Imperial War Museum“ und seiner angeschlossenen Bibliothek mit Hauptsitz in London kaum Hinweise auf eine geheime Militärmission im Mai 1945 zu finden gibt. Dass dort jedoch keinerlei Informationen vorlagen, war bemerkenswert. Auch die zitierfähige Zeitung „Stars and Stripes“, die seit dem Jahre 1861 für die Truppen der US-amerikanischen Streitkräfte publiziert wird, wies keinerlei Berichte über die Trolley Mission im Mai 1945 auf.

Um jedoch den wissenschaftlichen Pfad nicht zu verlassen, wurden weitere Militärarchive in den USA aufgesucht, um knapp 70 Jahre später, nachdem ohnehin auch in den USA jegliche Sperrfristen von Geheimunterlagen abgelaufen waren, Literaturquellen über die Trolley Mission zu finden. Schließlich konnte in der Bibliothek des „U.S. Army Heritage and Education Center“ des „U.S. Army War College“ in Carlisle im Bundesstaat Pennsylvania eine knapp 30 Seiten umfassende Broschüre recherchiert werden, die den Titel „The Destruction of Germany as Seen on the Trolley Mission, May 1945“ trägt. Dieser Broschüre, die vom sogenannten „Public Relations Office of the 44th Bombardment Group“ noch im Mai 1945 herausgegeben wurde, waren Flugrouten, Beschreibungen und weitere Fluginformationen zur Geschwaderzugehörigkeit der eingesetzten Flugzeuge zu entnehmen. Allerdings sind dieser Broschüre auch ermahnende, selbstkritische Worte zu entnehmen, denn so heißt es bereits in der Einleitung: „Diese Broschüre erzählt die Geschichte von einer ‚Sightseeing-Tour’ über Deutschland zum Ende des europäischen Krieges. Tausende von Männern, die auf unzählige Art und Weise eine militärische Aufgabe im Rahmen der Luftangriffe auf Deutschland ausgeführt haben, erhielten erstmals die Gelegenheit, die Früchte ihrer Arbeit zu sehen. Die Royal Air Force (RAF), die Royal Canadian Air Force (RCAF), die Royal Australian Air Force (RAAF) sowie die U.S. Air Force spielten jeweils eine Rolle bei der Zerstörung [...] Offiziere und Mannschaften der Eighth Air Force hoffen, dass ihre künftigen Aufgaben den Wiederaufbau statt die Zerstörung umfassen; auf jeden Fall hoffen sie, ihre Pflicht mit der gleichen Wirksamkeit (Effektivität) zu erfüllen, mit der sie auch ihre ursprüngliche Aufgabe vollzogen haben - nämlich die Zerstörung Deutschlands“.


2. Die 8. US-Luftflotte und die 392. Bomberstaffel
Die 8. US-Luftflotte, auch „Mighty Eighth“ genannt, ist heute noch eine von zwei aktiven Luftflotten der US-amerikanischen Luftwaffe, deren Hauptquartier sich auf der Barksdale Air Force Base im Bundesstaat Louisiana befindet. Im Zweiten Weltkrieg war die „Mighty Eighth“ jene US-Luftflotte, die ausschließlich auf dem europäischen Kontinent Kampfeinsätze flog. Unmittelbar nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten von Amerika folgte im Frühjahr die Aufstellung als Verband der United States Army Air Forces, wobei das Hauptquartier im Mai 1942 in der Stadt High Wycombe in der Grafschaft Buckinghamshire in Großbritannien eingerichtet wurde. Der 8. US-Luftflotte gehörten zahlreiche Geschwader (militärischer Verband) mit unzählig vielen Staffeln (militärische Teileinheiten) an.

Den ersten Kampfeinsatz absolvierten Flugzeuge der 15. Bomberstaffel gemeinsam mit britischen Bomberstaffeln am 4. Juli 1942 auf von deutschen Truppen besetzte Flugplätze in den Niederlanden. Der erste Luftangriff auf deutsche Städte ereignete sich am 27. Januar 1943, als Wilhelmshaven und Emden im Rahmen der Kombinierten Bomberoffensive („Combined Bomber Offensive“) bombardiert wurden. Die 8. US-Luftflotte verfügte im Jahre 1944 über rund 2.000 schwere Bomber und 1.000 Jagdflugzeuge und hatte eine Personalstärke von insgesamt mehr als 200.000 Mann. Zu den wichtigsten militärstrategischen Kampfeinsätzen der 8. US-Luftflotte im Zweiten Weltkrieg gehörten u.a. die „Operation Pointblank“ mit Angriffen auf die deutsche Kriegsindustrie, die „Operation Argument“ mit Angriffen auf Werke der deutschen Flugzeugindustrie, die „Operation Crossbow“ mit Angriffen auf V1- und V2-Abschuß- und Produktionsanlagen sowie die „Operation Clarion“ mit Angriffen auf das deutsche Verkehrsnetz im Februar 1945.

Der 8. US-Luftflotte gehörte neben vielen anderen Geschwadern ab Januar 1943 auch die 392. Bomberstaffel an. Sie war vor dem Kriegseintritt an der Davis-Monthan Air Force Base bei Tucson im Bundesstaat Arizona stationiert und verfügte vorwiegend über Luftfahrzeugmuster vom Typ B-24 Liberator. Als Trainingbasis dienten bis Januar 1943 das Biggs Army Airfield in El Paso im Bundesstaat Texas sowie das Alamogordo Army Airfield im Bundesstaat New Mexico, das am 13. Januar 1948 den Namen Holloman Air Force Base erhielt. Im August 1943 erhielt die 392. Bomberstaffel den Befehl, ihren Standort an die Luftwaffenbasis Wendling Airfield nahe der Stadt Dereham in der Grafschaft Norfolk in Großbritannien zu verlegen und sofortige Einsatzbereitschaft herzustellen. Abbildung 2-1 zeigt ein Luftbild vom Wendling Airfield, das nicht nur der 392. Bomberstaffel, sondern auch einem Großteil der Geschwader- und Flottenverbände der Royal Air Force als Basis diente.

Luftbild der Luftwaffenbasis Wendling Airfield in Großbritannien
Abbildung: Luftbild der Luftwaffenbasis Wendling Airfield in Großbritannien

Noch in den letzten fünf Monaten im Jahre 1943 flog die 392. Bomberstaffel insgesamt 21 Kampfeinsätze über Deutschland, die jedoch schwerste Verluste zur Folge hatten, denn von ursprünglich 35 Besatzungseinheiten blieben zum Jahresende nur noch 18 übrig; darüber hinaus wurden 20 Flugzeuge abgeschossen. Von 85 Piloten und Copiloten, die am 1. Juli 1943 registriert wurden, waren ein halbes Jahr später nur 35 verblieben. Zu Beginn des Jahres 1944 hatte die 392. Bomberstaffel neue Piloten, Copiloten und Besatzungsmitglieder erhalten, so dass die Gesamtzahl der Besatzungseinheiten von ehemals 18 auf 66 erhöht wurde. Insgesamt wurden nur allein von der 392. Bomberstaffel weit über 150 Kampfeinsätze im Verlauf des Jahres 1944 von der Luftwaffenbasis Wendling Airfield aus absolviert. Im Jahre 1945 schlossen sich weitere Kampfeinsätze an, so dass bis zum Mai 1945 insgesamt 285 Kampfeinsätze von der 392. Bomberstaffel geflogen wurden. Der letzte Kampfeinsatz der 392. Bomberstaffel fand am 25. April 1945 statt. Ungefähr 4.000 Mann Besatzung waren in der 392. Bomberstaffel an Kampfeinsätzen beteiligt, die wiederum von fast 3.000 Soldaten unterstützt wurden, die dem Bodenpersonal angehörten. Nach Schätzungen der „392nd Bomb Group Memorial Association“ verlor knapp ein Fünftel der Besatzungsmitglieder bei den Kampfeinsätzen ihr Leben und fast jedes zehnte Besatzungsmitglied geriet nach Abschüssen in Kriegsgefangenschaft. Bevor die 392. Bomberstaffel im Juni 1945 den Befehl erhielt, ihren Standort wieder zurück in die USA an die Charleston Air Force Base im Bundesstaat South Carolina zu verlegen, fand schließlich noch die Trolley Mission statt, die am Montag, den 7. Mai 1945, begann und nach sechs Tagen am Samstag, den 12. Mai 1945, endete.


3. Flugrouten der Trolley Mission
Die Flugrouten der Trolley Mission sollten sich einerseits auf jene Gebiete erstrecken, die von der 8. US-Luftflotte bombardiert worden waren, aber andererseits auch jene Orte abdecken, die von alliierten Landstreitkräften umkämpft worden waren. Mit dem Ziel, das sich am besten in der englischen Sprache formulieren läßt, nämlich „to provide all ground personnel with an opportunity of seeing the results of their contribution in the strategic air war against Germany“, starteten weit über 2.000 Mann des Bodenpersonals der 392. Bomberstaffel in 450 Flugzeugen zur Trolley Mission.

Jedes Flugzeug hatte eine Mindestbesatzung von fünf Personen, die sich aus Pilot, Copilot, Navigator, Flugingenieur und Bordfunker zusammensetzte; hinzu kamen zehn bis zwölf Passagiere, die aufgrund der Überquerung des Ärmelkanals verpflichtet waren, Schwimmwesten anzulegen. Jeder Flug fand als Nonstop-Flug statt, d.h. nach dem Start auf der Luftwaffenbasis Wendling Airfield fand keine Zwischenlandung mehr statt, so dass die Flugzeit ungefähr sechs bis sieben Stunden betrug. Gestartet wurde im Verband von je drei Flugzeugen im Abstand von zehn Minuten, wobei die Piloten den Befehl erhielten, die gesamte Flugstrecke in einer Mindesthöhe von 1.000 Feet über Grund einzuhalten, was knapp 330 Metern Höhe entspricht. An den ersten vier Tagen der Trolley Mission wurde vom 7. bis 10. Mai 1945 die in dieser Arbeit als „Südroute“ definierte Flugstrecke gewählt, während an den beiden letzten Tagen am 11. und 12. Mai 1945 die in dieser Arbeit als „Nordroute“ definierte Strecke abgeflogen wurde.


3.1 Südroute der Trolley Mission
Ausgehend von der Luftwaffenbasis Wendling Airfield wurde im Rahmen der Südroute zunächst die ca. 80 km entfernt liegende Stadt Southwold an der britischen Kanalküste angepeilt, da sich dort die letzte Möglichkeit für eine etwaige Notlandung vor der Kanalüberquerung befand. Über dem Ärmelkanal folgten die Flugzeuge dem Steuerkurs auf Ostende in Belgien und flogen südlich von Brüssel auf die Ardennen zu.

In militärhistorischem Zusammenhang genießen die Ardennen große Bedeutung, denn bereits zu Beginn des Ersten Weltkrieges kam es zwischen der deutschen Reichswehr und den Streitkräften der Entente zur Schlacht von Neufchâteau. Wiederum im Zweiten Weltkrieg begann am 10. Mai 1940 in den Ardennen die Offensive gegen Frankreich; die deutsche Wehrmacht umging die alliierten Hauptstellungen und vernichtete nur zwei Tage später am 12. Mai 1940 die feindliche Artillerie. Dieser Blitzangriff war schließlich ausschlaggebend für den darauf folgenden Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich sowie später in Belgien und in den Niederlanden. Für die US-amerikanischen Streitkräfte hingegen symbolisiert die Ardennenoffensive bzw. die sogenannte „Battle of the Bulge“, die am 16. Dezember 1944 begann, die größte Landschlacht des Zweiten Weltkrieges, der knapp 20.000 Tote zum Opfer fielen.

Die Südroute der Trolley Mission
Abbildung: Die „Südroute“ der Trolley Mission

Vom Ardenner Wald aus flogen die Piloten der Trolley Mission nach Mannheim und Ludwigshafen, was zugleich den südlichsten Punkt dieser Flugroute markierte. Mit nordöstlichem Kompaßkurs ging es weiter nach Aschaffenburg und Hanau bis Frankfurt am Main. Dem Main flußabwärts folgend wurden Wiesbaden und Mainz überflogen. Sich an der Mündung von Main und Rhein orientierend folgten die Piloten sodann dem Rheinverlauf von Bingen bis nach Koblenz. Da die Flüge der Trolley Mission nach Sichtflugregeln stattgefunden haben, dienten die einst militärstrategischen Angriffsziele nun auch als Bezugs- und Orientierungspunkt für die Piloten, wozu die Brücke in Neuwied sowie insbesondere die Überreste der Brücke von Remagen gehörten. Dem Rhein weiterhin flußabwärts folgend erreichten die Flugzeuge schließlich die Städte Bonn, Köln und Düsseldorf sowie das südliche Ruhrgebiet. Die Stadt Düsseldorf markierte den nördlichsten Punkt dieser Flugroute, so dass die Piloten von dort aus mit westlichem Kompaßkurs abdrehten und den Rückflug einleiteten, der wiederum über Brüssel, über Ostende sowie schließlich über den Ärmelkanal und Southwold zur Luftwaffenbasis Wendling Airfield führte.


3.2 Nordroute der Trolley Mission
Die Nordroute hatte einen gänzlichen anderen Verlauf als die Südroute und führte von der Luftwaffenbasis Wendling Airfield zunächst zur ca. 60 km entfernt liegenden Stadt Great Yarmouth an der britischen Kanalküste, da sich dort - ebenso wie bei der Südroute - die letzte Möglichkeit für eine etwaige Notlandung vor der Kanalüberquerung befand. Die Kanalüberquerung, die von Great Yarmouth bis Katwijk ann Zee verlief, umfaßte schließlich eine Distanz von knapp 180 km bzw. rund 100 NM. Als ersten Ort der Nordroute peilten die Piloten der Trolley Mission zunächst die Stadt Arnheim in den Niederlanden an, wo die gleichnamige Brücke, die bis vor kurzem noch als militärstrategisches Ziel umkämpft wurde, nunmehr als Orientierungspunkt im Rahmen des Sichtfluges galt. Nach Überquerung des Rheins erstreckte sich die Flugroute weiter bis Münster in Westfalen, danach über Osnabrück und weiter bis Bremen.

Die Nordroute der Trolley Mission
Abbildung: Die „Nordroute“ der Trolley Mission

Zwischen Osnabrück und Bremen diente der Dümmer, ein See knapp zehn Kilometer südlich von Diepholz gelegen, als nächster Orientierungspunkt im Rahmen des Sichtfluges. In Bremen wurden die mehrfach bombardierten und restlos zerstörten Hafenanlagen überflogen. Danach ging es mit nordöstlichem Steuerkurs nach Hamburg, wo ebenfalls die zuvor bombardierten Hafenanlagen sowie insbesondere die zerstörten Schiffswerften in Vollkreisen überflogen wurden. Nach Hamburg, das den nördlichsten Punkt dieser Flugroute markierte, schloß sich eine rund 150 km lange Flugstrecke bis Braunschweig an. Von Braunschweig aus folgten die Piloten dem Stichkanal Salzgitter, der den Mittellandkanal mit den Hafenanlagen der ehemaligen Reichswerke AG für Erzbergbau und Eisenhütten Salzgitter („Reichswerke Hermann Göring“) verbunden hatte. Teilweise am Mittelkanal entlang fliegend erreichten die Flugzeuge die Stadt Hannover, folgten dann einem südwestlichen Steuerkurs, der über die Städte Bielefeld, Hamm und Dortmund ins Ruhrgebiet führte. Nachdem die Stadt Dortmund sowie große Teile der Stahl-, Kohle- und Eisenindustrie im Ruhrgebiet überflogen wurden, näherten sich die Flugzeuge der Stadt Essen an. Danach folgte noch die Stadt Duisburg, die im Rahmen der Nordroute zugleich den südlichsten Punkt markierte. Von dort aus folgten die Piloten zunächst dem Flußverlauf der Ruhr, später dem der Maas und nahmen Kurs auf Rotterdam und Den Haag, von wo aus der Rückflug über den Ärmelkanal und über die Küstenstadt Great Yarmouth zurück zur Luftwaffenbasis Wendling Airfield stattfand.